Zur Entstehungsgeschichte der

Dunstein Chroniken

So unterschiedlich die dunklen Geheimnisse und Erklärungsversuche sein mögen, die sich um die menschliche Seele, das Phänomen des Todes und fremdartige Existenzformen ranken, so sehr haben mich all diese Rätsel von jeher fasziniert. Was konnte demnach für mich, einen Menschen, der berufsbedingt jeden Tag schreibt, näher liegen, als derart mystische Themen in einem Fantasy-Roman zu verarbeiten? Im Jahr 2013 begann ich mit der Arbeit an „Die Spur der weißen Kreise“. Schon bald musste ich aber feststellen, dass ich an diesem ehrgeizigen Projekt zu scheitern drohte. Ich sah mich mit einer von mir selbst geschaffenen Fantasy-Parallelwelt konfrontiert, die sich jedoch auch nach Abschluss des im gleichen Jahr fertiggestellten Buches (mit immerhin rund 1000 Seiten) immer noch im Entstehungsstadium befand. Das galt sowohl im Hinblick auf das Verständnis des Gesamtgeschehens und der Zusammenhänge, die im Hintergrund walten, als auch für Figuren und Völker meines kleinen Universums, die danach schrien, weiterentwickelt zu werden. Also schrieb ich wie ein Besessener weiter. Und während ich dies tat, wurde bereits Kritik am Umfang des ersten Teils laut. Angeblich traut sich in der heutigen Zeit kein Leser mehr an einen solchen „Wälzer“.

Wenngleich ich gezwungen war, einige Passagen umzuschreiben, habe ich dieser Kritik Rechnung getragen und das Buch gewissermaßen „auseinandergenommen“. Auf diese Weise entstanden aus einem ursprünglich einheitlichen Werk „Die Spur der weißen Kreise“ und „Das versteinerte Grauen“. Beide Bände wurden inzwischen veröffentlicht.
Ab dem 3. Band erlangen die Dunstein-Chroniken allmählich eine neue Dimension, weil nun auch zunehmend Hintergründe angedeutet werden, die das Verständnis der Gesamtzusammenhänge ermöglichen sollen. So bleibt es nicht aus, dass neue Protagonisten auf den Plan treten und dass sich Science-Fiction Elemente in den bisher eher eindimensionalen Fantasy-Ablauf einschleichen.

Als Autor musste ich zeitgleich zu akzeptieren lernen, dass es in einer halbwegs realitätsnahen Fantasywelt nicht nur strahlende Helden und gruselige Bösewichte geben kann, nicht nur Protagonisten mit klaren, kantigen Charakterprofilen und solche, die plötzlich völlig neue Wesenszüge offenbaren, sondern eben auch solche, die zumindest bei oberflächlicher Betrachtung in einer eher unauffälligen Durchschnittlichkeit verharren, entweder weil es ihnen in der Kürze der Handlungsdauer nicht vergönnt ist, sich weiterzuentwickeln, oder weil sie in ihren Aktionen keine greifbaren Auffälligkeiten vermitteln. Und ich muss sagen: Glücklicherweise gibt es sie; denn gäbe es sie nicht, wäre alles viel zu vorhersehbar. Natürlich musste ich auch akzeptieren, dass es – ebenfalls wie im richtigen Leben – Protagonisten gibt, die auf schicksalhafte Weise vorzeitig aus ihrem Dasein gerissen werden, selbst wenn ich sie bereits liebgewonnen hatte.

Mit diesen Erkenntnissen ausgestattet habe ich anschließend zwei Jahre an meiner Parallelwelt weitergebastelt, bis im Oktober 2015 die Manuskripte aller 6 Bände der Dunstein-Chroniken abgeschlossen waren.

Kurzzeitig zur Ruhe gekommen, wurde mir bewusst, dass der „Kontinent“, genau wie unsere eigene Welt, nur ein winziges Staubkörnchen in einem endlosen Universum darstellt. Und dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, stieg wieder dieser unstillbare Drang, das Unbegreifliche hinter den Dingen im Sichtbaren begreifen zu wollen. Kurzzeitig wurde ich durch eine schwere Krankheit ausgebremst, aber dann begab ich mich auf eine erneute Reise in dieses unermesslich faszinierende Universum. Dort erwartete mich „Die verriegelte Pforte“. So lautet der Arbeitstitel meiner neuen Trilogie. Und wenn endlich „Der Schlüssel“ (Arbeitstitel des 3. Bandes) gefunden ist, kann es vielleicht nochmals weitergehen.

Warum Fantasy?

 Seit der Veröffentlichung meines ersten Buches stellt man mir immer wieder diese Frage. Markante Höhepunkte der Literaturgeschichte wie Homers Heldenepen Ilias und Odyssee, die Edda oder das Nibelungenlied – um nur einige Beispiele zu nennen – sind im Grunde genommen nichts anderes als gigantische Fantasy-Erzählungen. Seit vielen Jahrhunderten bieten sie dem Menschen nicht nur die Gelegenheit, mit Hilfe seines „Kopfkinos“ vorübergehend dem grauen Alltag zu entfliehen, sondern sie können zwischen den Zeilen auch fundamentale philosophische Einsichten und Orientierungshilfen vermitteln. Darum Fantasy. 


Fantasy- und Science Fiction – Literatur soll spannende Unterhaltung bieten. Daneben kann sie aber auch eine wichtige Aufgabe erfüllen. Sie eröffnet dem Schriftsteller die Möglichkeit, drängende Probleme des hiesigen Daseins gewissermaßen in verfremdeter Form auf eine andere Ebene zu projezieren. Anstatt Dinge in polarisierender Weise zu kommentieren, kann er sie auf diesem Weg ins Bewusstsein des Lesers rücken und ihm so die Gelegenheit geben, selbst und unvoreingenommen darüber nachzudenken. 

Kann man die fundamentale Qualität eines Buches anhand der Frage beantworten, ob der Autor in der Lage ist, die Kernaussage in einem Satz zusammenzufassen? Offengestanden scheint mir dies bei 9 Büchern, die man eigentlich als Gesamtwerk begreifen kann, nicht möglich zu sein. Aber immerhin sollte ich es schaffen, das zentrale Anliegen dieses Werks in 3 Kurzbeiträge zu fassen.

Beginnen wir mit der Frage, was mich angetrieben hat. Der größte Schock im Leben eines Menschen ist normalerweise der Augenblick, in dem ihm zum ersten Mal seine Sterblichkeit bewusst wird. Eine mögliche Konsequenz dieser Erkenntnis wird in geradezu erschütternder Weise in einem Songtext mit nur wenigen Worten beschrieben: „And the soul afraid of dyin‘ that never learns to live“ („The Rose“). Resignation bis zur Depression. Darüber wurden schon mehr als 9 Bücher geschrieben.

In meinem Werk habe ich versucht, andere Facetten des Umgangs mit diesem Phänomen zu beleuchten. 

In den Dunstein-Chroniken unternehmen einige Protagonisten den Versuch, mit Hilfe von Elixieren der Unsterblichkeit und der Wiedererweckung das Schicksal zu überwinden oder zum gleichen Zweck die geheimnisvolle Macht des Dunsteins zu missbrauchen, ohne zu ahnen, dass auch dieses Artefakt in einer physikalisch nachvollziehbaren Weise Leben und Tod in sich vereint. Andere wiederum führen letztlich den gleichen Kampf auf einer anderen Ebene: Sie wollen ihr eigenes oder sogar ein anderes Volk vor dem Untergang bewahren. Bei genauer Betrachtung wohnt all diesen Bestrebungen das gleiche Ziel inne: dem Leben auch im Angesicht des drohenden Todes einen Sinn zu geben.

Lässt sich also der Inhalt der Dunstein-Chroniken vielleicht doch auf einen Kernsatz reduzieren? Ich war nahe daran. Aber dann bemerkte ich, dass der wichtigste Aspekt des Themas noch fehlte. Deshalb habe ich  nach Abschluss der Dunstein Chroniken weitergeschrieben. 

Was würde Unsterblichkeit für uns selbst und unser Umfeld bedeuten? Zu dem Begriff „Ewigkeit“ vermögen wir ja nicht einmal, eine Vorstellung zu entwickeln. Will irgendjemand wirklich ewig Schmerz oder Langeweile empfinden? Und: Würde eine unsterbliche Rasse, die sich vermehrt, nicht alles andere Leben aus dem Universum verdrängen?

Was als herkömmliche Fantasy-Erzählung beginnt, entwickelt sich in der Trilogie „Die verriegelte Pforte“ allmählich zu beängstigenden Visionen. Ein ganzes Volk, dessen Ursprung nicht genannt wird, aber eigentlich naheliegt, sucht verzweifelt den „Schlüssel zur Sterblichkeit“. Dieser Gegenpol zu den Protagonisten der Dunstein-Chroniken wirft die Frage auf: Sollten wir uns nicht sinnvollerweise bemühen, die Grenzen unserer Existenz zu akzeptieren und das Beste daraus machen? Lautet also der Schlüssel: "Learn to live"?

Nun ist es doch gelungen, die Botschaft auf einen Satz zu reduzieren. Dennoch hoffe ich, dass sie sich in 9 Büchern einfach spannender liest und dem Leser dabei hilft, einen winzigen Teil seiner Lebenszeit angenehm zu gestalten. 

Wie entsteht ein Buchcover? 

Nun, im Regelfall jedenfalls nicht so wie die Cover der Dunstein Chroniken. Diese gehen nämlich auf ein sehr individuelles Experiment zurück. Mein allererster Fan, der die Dunstein-Manuskripte geradezu „inhaliert“ hat, besitzt außergewöhnlich viele Talente, unter anderem auch ein ausgeprägtes Gespür für grafisches Design. Deshalb war ich begeistert, als er mir anbot, die Cover zu entwerfen. Und auch wenn sicherlich bei der Lektüre meines Werks im Kopfkino unterschiedlicher Menschen völlig unterschiedliche Vorstellungen ausgelöst werden, und vielleicht der eine oder andere keinen Bezug zu diesen Cover findet: für mich sind sie etwas Einzigartiges, weil mein erster Leser versucht hat, Bilder zu dokumentieren, die so oder ähnlich vor seinem geistigen Auge entstanden sind.

Das Bild zeigt Vorentwürfe zu den Cover der Dunstein-Episoden 3 und 4.